Impulse, Gebete und Texte

Texte von Rainer Maria Rilke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Wenn es nur einmal so ganz still wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen …

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken wie einen Dank.


Wo Ängste enden und Gott beginnt
mögen wir vielleicht sein.

Träume, die in deinen Tiefen wallen
Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.
Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn –
Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf

Rast!
Gast sein einmal.
Nicht immer selbst
seine Wünsche bewirten
mit kärglicher Kost.
Nicht immer feindlich
nach allem fassen;
einmal sich alles geschehen lassen
und wissen –
was geschieht, ist gut!


Du darfst nicht warten bis Gott zu dir geht
Und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht
Hat keinen Sinn
Da musst du wissen, dass dich Gott
Durchweht
Seit Anbeginn,
Und wenn dein Herz dir glüht
Und nichts verrät,
dann schafft er drin.